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Berücksichtigung von Nachhaltigkeits­präferenzen bei der Anlageberatung

Ab 2.08.2022 haben Wertpapierdienstleister im Rahmen der Anlageberatung die Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden zu berücksichtigen. Gleiches gilt für die Beratung zu Versicherungsanlageprodukten. Dies ergibt sich aus den am 2.08.2021 veröffentlichten Änderungen der delegierten Verordnungen zu MiFID II und zur Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD (delegierte Verordnung (EU) 2021/1253 und delegierte Verordnung (EU) 2021/1257).

Nachhaltigkeit

Eine nachhaltige Investition liegt im Sinne der Taxonomie-Verordnung (Verordnung (EU) 2020/852) dann vor, wenn sie insbesondere einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung eines oder mehrerer Umweltziele leistet (ua Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel) und nicht zu einer bestimmten erheblichen Beeinträchtigung eines oder mehrerer Umweltziele führt.

Nach der Offenlegungs-Verordnung (Verordnung (EU) 2019/2088, anwendbar seit 10.03.2021) haben Finanzberater bestimmte nachhaltigkeitsbezogene Informationen offenzulegen. Im Unterschied zur Taxonomie-Verordnung fallen hierunter nicht nur Umwelt-, sondern auch Sozial- und Governance-Faktoren („ESG-Faktoren“).

Nachhaltigkeitspräferenzen

Unter Nachhaltigkeitspräferenzen ist die Entscheidung eines Kunden oder potenziellen Kunden darüber zu verstehen, ob und, wenn ja, inwieweit eines der folgenden Finanzinstrumente in seine Anlage einbezogen werden soll:

a) ein Finanzinstrument, das einen Mindestanteil in ökologisch nachhaltige Investitionen im Sinne der Taxonomie-Verordnung aufweist;

b) ein Finanzinstrument, das einen Mindestanteil in nachhaltige Investitionen im Sinne der Offenlegungs-Verordnung aufweist;

c) ein Finanzinstrument, das prinzipielle nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigt, wobei die qualitativen oder quantitativen Elemente, die diese Berücksichtigung belegen, vom Kunden oder potenziellen Kunden bestimmt werden.

Eignungsbericht und Beratungsprotokoll

Die bei der Beratung des Kunden zu erhebenden Anlageziele umfassen künftig nicht nur die Risikobereitschaft, sondern auch die Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden. Diese sind in den Eignungsbericht mitaufzunehmen, wobei eine hinreichend individualisierte Erklärung abzugeben ist, weshalb das empfohlene Finanzinstrument den Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden entspricht. Produkte, die den Nachhaltigkeitspräferenzen nicht entsprechen, dürfen dem Kunden nicht als geeignet empfohlen werden. Sollte sich kein Produkt als geeignet herausstellen, ist es möglich, dass der Kunde seine Präferenzen anpasst; dies muss jedoch entsprechend dokumentiert werden.

Offen ist derzeit beispielsweise noch, wie genau die einzelnen Nachhaltigkeitspräferenzen eines Kunden abgefragt werden müssen, und wie damit umzugehen ist, wenn ein Finanzprodukt aufgrund der laufenden Prüfung der Nachhaltigkeitsrisiken ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr den Nachhaltigkeitspräferenzen eines Kunden entspricht.

Wichtig wird jedenfalls sein, dem Kunden transparent darzustellen, was „Nachhaltigkeit“ bedeutet, ihn über Änderungen der Nachhaltigkeitsrisiken der von ihm gehaltenen Finanzprodukte umgehend zu informieren und die geführten Beratungsgespräche entsprechend zu dokumentieren.
Werden die Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden nicht entsprechend berücksichtigt, könnte dieser wegen fehlerhafter Anlageberatung Schadenersatzansprüche geltend machen oder sogar vom Vertrag zurücktreten (Irrtumsanfechtung).

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